Montag, 6. Februar 2017

Deutschland - deine Kinder

Unsere Nachbarn. Unsere direkten Nachbarn sind ein skurriler und liebenswürdiger 3-Generationen-Familienhaufen. Alle etwas ulkig in ihrem Dasein, aber sehr, sehr nett und herzlich. Herr Herzmolekül findet sie zwar manchmal etwas "nervig", aber selbst er kann das, was ich jetzt gleich erzählen werde nur entrüstet und kopfschüttelnd kommentieren. Denn es ist traurig. 

Unsere Nachbarin (die 2. Generation) und ihr Mann haben zwei Kinder. Beide sind volljährig und gehen mittlerweile ihre eigenen Wege. Nun ist es aber so, dass sich besonders unsere Nachbarin derzeit aufopfernd beim Jugendamt um ein Pflegekind bemüht. Entsprechende Kurse wurden bereits belegt und das Kinderzimmer ist grob hergerichtet. Grob deshalb, weil das Kind, jenes sie alle definitiv mit Liebe und Fürsorge überschütten würden, sich seine Zimmerfarbe und die restliche Gestaltung "damit es von vornherein weiß, dass es sein Zimmer und sein Zuhause ist!" aussuchen kann. 

Nun war letzte Woche die Ansprechpartnerin und Vermittlerin vom Jugendamt da. Sie hätten da einen kleinen, achtjährigen Jungen für die Familie gehabt, sagte sie. 
Nanu, und warum hätten? Wir nehmen ihn gerne bei uns auf, sprach es aus der Nachbarin. Ihr Herz pumperte schon jetzt vor Aufregung und sie dachte da noch, dass dieses "hätte" zwar mit einem ABER, jedoch nicht mit einem ACH NE, DOCH NICHT, belegt sein würde. Und ein ABER gibt es ziemlich oft. Damit kann man umgehen und es ggf. widerlegen.
Nun, erklärte die Jugendamtstante, es wäre nicht mehr möglich diesen kleinen Jungen in die Familie zu integrieren. 
Da klingelten der Nachbarin bereits die Ohren: "Äh, bitte was???" 
Der Kleine stamme aus schrecklichen Verhältnissen. Verwahrlost. Völlig verstört und in seinem bisherigen Leben ohne Liebe sei er aufgewachsen. In seinen jungen Jahren habe er bereits die Verantwortung für seinen noch jüngeren Bruder getragen und überhaupt sei alles ganz schrecklich für ihn gewesen. 
Ja, ja, es ist uns schon klar, dass die Kinder nicht ohne Grund in Pflegefamilien aufgenommen werden, wir nehmen ihn gerne, versicherte die Nachbarin weiter. 
Leider, leider sei ihnen [dem Jugendamt] ein KLEINER Fehler unterlaufen. Das Kind war in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht und die maximale Verweildauer wurde dort überschritten. Das Kind habe sich an die Pflegefamilie zu sehr gewöhnt und wolle nicht mehr woanders hin, wurde gesagt. 
Das konnte meine Nachbarin dann schon nachvollziehen. Ein Kind mit solch einer tragischen Geschichte, welches sich vermutlich erstmalig in seinem Leben sicher fühlt, wer will das absichtlich wieder zerstören? 
Die Jugendamtstante druckste so ein wenig herum: Najaaaaaaa, so sei es nun auch nicht. Die Bereitschaftspflegefamilie sei nicht bereit das Kind als Pflegekind bei sich aufzunehmen. Sie gäben den Jungen nun wieder ab und nähmen zwei neue Kurzzeitpflegekinder bei sich auf. 
UND WO KOMMT DER JUNGE DANN HIN?, fragte die Nachbarin entsetzt. 

Ins Kinderheim. Er ist einfach nicht mehr als familientauglich einstufbar. 

Ein Achtjähriger. "Nicht mehr familientauglich". Ein ACHTJÄHRIGER!!! 
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Die Nachbarin und ich treffen uns auf der Straße. Sie erzählt mir diese leider wahre Geschichte. Mir wird ganz anders. Ihr wird ganz anders. Ich gehe stumm ins Haus, setze mich auf die Couch und lasse den Tränenstrom aus Wut und Traurigkeit einfach laufen...

Kommentare:

  1. wow.. weil der Kleine ein paar Tage (oder Wochen?) zu lang bei der Kurzeitpflege war...
    Deutschland.. deine Richtlinien. Unglaublich.

    Ich finde es aber toll, das deine Nachbarn ein Pflegekind möchten. ♥

    Kann nur noch mit dem Kopf schütteln.. der Kurze ist 8.. ne.. mir fehlen die Worte

    Grüße
    Nicole

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  2. Leider deckt sich das komplett mit meinen Erfahrungen mit Jugendamtsmitarbeiterinnen. Es ist unglaublich wie wenig sich gesunder Menschenverstand und Empathie mit den Ansichten von extrem jungen Sachbearbeiterinnen, ohne jegliche eigne Erfahrung mit Kindern, decken. Die setzen um was im Lehrbuch steht, ob das gut ist oder auch nicht, egal. Ich könnte Romane schreiben, ganz traurige. Leider.

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